Vortrag: Der Begriff der »disponiblen Zeit« bei Marx

Am Donnerstag, den 26ten Januar, findet an der Uni auf Einladung des Lehrstuhls für Politische Theorie und Ideengeschichte um 18 Uhr ein Vortrag mit Antje Gera und Claus Baumann statt.

Unter dem Titel „Ein kategorialer »Kassiber möglicher Befreiung«: Zu Marx’ Begriff der »disponiblen Zeit«“ werden sie darlegen, inwiefern der marxsche Begriff der »disponiblen Zeit« einen Maßstab einer Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse zu bilden vermag und eine Chance aufzeigt, die „schließlich einmal zu ihrem Teil helfen könnte, daß Freizeit in Freiheit umspringt.“

Die beiden Referenten sind am Institut für Philosophie an der Universität Stuttgart tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Dialektik, Kritik der politischen Ökonomie, Gesellschaftstheorie, politische Philosophie und Philosophie der Ästhetik.

Universität Trier, Raum A8, 18 Uhr c.t.


Im Zuge gesellschaftlicher Krisenphänomene ermöglicht ein Aufblitzen pathologischer Konsequenzen der kapitalistischen Produktionsweise in die Sichtbarkeit stets auch eine erneute kritische Bestandaufnahme dessen, was wir von den Grundlagen gesellschaftlicher Produktion wissen können. Es wäre vermessen, hierbei einen Mangel an sozialtheoretischen und sozialphilosophischen Bemühungen zur Erfassung der gegenwärtigen Problemlage zu behaupten. Es ist allerdings keineswegs vermessen, inmitten einer »Hochkonjunktur« der Frage nach der »Aktualität der Marx’schen Theorie«, trotz der sogenannten »Neuen Marx-Lektüre« und der Ausrufung einer nicht ideologisch belasteten, dritten, gar vierten Generation Marx’scher Theoriebildung einen Mangel zu konstatieren – einen Mangel an Reflexion des begrifflichen Maßstabes, der gewissermaßen den Grund bildet für eine kritische Gesellschaftstheorie, einen Grund, auf dem Dogmatismen und Utopismen nicht statthaben können, weil er begrifflich aus der bürgerlich-kapitalistischen Vergesellschaftungsweise selbst gewonnen ist; einen Grund also, der all diejenigen Formen dieser Vergesellschaftungsweise ins Visier zu nehmen ermöglicht, welche die freie Fähigkeits- und Genussentwicklung, mithin die freie Entwicklung der Individualitäten der Menschen einschränken.

Es ist somit keineswegs verwunderlich, dass im neuinszenierten Reigen der Marx’schen Begrifflichkeiten eine Lücke klafft: Es fehlt eine Auseinandersetzung mit den Implikationen des Begriffs »disponible Zeit«. Dabei ist es doch gerade dieser Begriff, der eine tragende Rolle spielt im Hinblick auf Entwicklungs- und Ermöglichungsbedingungen wirklich freier Individuen, denn Marx zufolge schafft die Entwicklung des Kapitals gewissermaßen ein Instrument für die Voraussetzungen der Ausbildung gesellschaftlich frei verfügbarer Zeit – »disponibler Zeit«. Diese Tendenz, die von der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise immer zugleich aufgrund ihres notwendigen Drangs zur Verwertung einkassiert wird, ist jedoch von einer Erweiterung der sogenannten »Freizeit« strikt zu unterscheiden. Die Freizeit ist der Bereich in der die Reproduktion der Arbeitskraft geleistet wird, in der die Konsum- und Freizeitindustrie herrscht und in dem allenfalls Erholung, aber niemals Muße geduldet wird.

Im Zuge einer philosophisch-begrifflichen Rekonstruktion des Verhältniszusammenhangs von »kapitalistischer Formbestimmtheit«, »disponibler Zeit«, »Muße«, »freier und universeller Entwicklung der gesellschaftlichen Individuen« soll verdeutlicht werden, inwiefern der Marx’sche Begriff der »disponiblen Zeit« zum einen den Maßstab einer Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse zu bilden vermag – ein Maßstab, an dem sich der »wirkliche Reichtum« der Gesellschaft zu messen habe; zum anderen eine Chance aufzeigt, die – um eine Formulierung Adornos aufzugreifen – „schließlich einmal zu ihrem Teil helfen könnte, daß Freizeit in Freiheit umspringt.“

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Fundstück: Kommunismus und Freiheit

Via Daniel Kulla:

Wir sind keine Kommunisten, welche die persönliche Freiheit vernichten und aus der Welt eine große Kaserne oder ein großes Arbeitshaus machen wollen. Es gibt freilich Kommunisten, welche es sich bequem machen und die persönliche Freiheit, die nach ihrer Meinung der Harmonie im Weg steht, leugnen und aufheben wollen; wir aber haben keine Lust, die Gleichheit mit der Freiheit zu erkaufen.

Karl Schapper in der ersten Ausgabe der Kommunistischen Zeitschrift des Bundes der Kommunisten, September 1847.

Quäl dich du Sau

Eine Verlogene Diskussion

Heutzutage hat man es nicht so einfach als Radsport-Fan, zumindest nicht wenn man auf die Tour-de-France Berichterstattung der deutschen Fernsehsender und Zeitungen angewiesen ist. Nachdem ARD und ZDF letztes Jahr kurzerhand ihre Übertragung einstellten, als Trotzreaktion auf wiederholt aufgeflogenes Doping, wird dieses Jahr wieder berichtet – aber, wohl als eine Art Korrektiv, nur unter der Prämisse eines ständigen unterschwelligen moralinsaueren Dopingskandalismus. In der ARD beklagte der Moderator nach der ersten Etappe 08, die Valverde gewann, dass man nicht ausreichend den „Verdacht“ gegen diesen Fahrer öffentlich thematisiere, „nicht weil es Beweise gibt“, aber der „Verdacht sei da“, und daher muss er wohl breitgetreten werden, denn das beäugen, verdächtigen und denunzieren ist schliesslich des Deutschen liebste Beschäftigung. Zeitungen wie die Sueddeutsche berichten längst fast nur noch über das Doping-Thema und vergessen dabei mitunter, die aktuellen Ergebnisse des Rennens überhaupt abzudrucken. Kein Wunder, dass man im Ausland über die deutsche Öffentlichkeit mittlerweile nur noch befremdet den Kopf schüttelt … und man kann sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass diese Besessenheit auch etwas damit zu tun hat, dass die Deutschen gerade keinen Favoriten dabeihaben, bzw. dass ihre ehemaligen Lieblinge wie Ullrich und Klöden demontiert wurden während andere trotz ähnlicher Verstrickungen noch mitfahren dürfen. Geradezu dämonisch scheint hier Doping, die „Seuche“, das „Gift“, der „Sumpf“, unter allen Oberflächen, aus allen Poren unheimlich hervor zu quellen. Nicht weil es etwa mehr oder schlimmere Fälle gäbe als zuvor; die Doping-Praxis war wohl bereits in den 80ern und 90er unter Insidern und auch vielen Journalisten schon lange kein Geheimnis mehr. Doch jetzt, wo aufgrund verbesserter Kontrolltechniken die Fahrer auf einmal auch erwischt werden, spielen plötzlich alle andern den Saubermann. Politische Parteien wie die ‚Grünen‘ oder die ‚Linke‘, die sich, solange es nur um die Bekämpfung des Terrorismus geht, gerne als Anwalt von Freiheit und Bürgerrechten gerieren, steigern sich nun plötzlich in einen Sicherheitswahn, forderten 2007 gar die Absage aller Radmeisterschaften sowie eine totale, lückenlose Überwachung von Sportlern, und beklagen, das neue deutsche Anti-Doping Gesetz sei zu lasch, weil Doping nicht per Strafgesetzbuch als Straftat festgeschrieben wurde. Und ein ZDF-Moderator forderte gestern, am Tag der Festnahme des serbischen Kriegsverbrechers Karadzic, man möge doch bitte irgendeinen dubiosen spanischen Sportarzt „endlich auch in gleicher Weise dingfest machen“. EPO-Spritzen = Srebrenica ? Und die UCI gleich ohnmächtig wie seinerzeit die UNO? Was folgt als nächstes … humanitäre Intervention der NATO in Frankreich um vermutete Doping-Bunker an der Strecke per Luftschlag auszuschalten?

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