Von der Endlösung ins Finale …

Die SZ berichtet heute unter dem Titel „Auf dem Weg in die Hölle“ über die makabre Vergangenheit jenes Stadions in Wien, in dem morgen das EM-Finale zwischen Deutschland und Spanien ausgetragen wird:

Im September 1939, nach dem deutschen Angriff auf Polen, ordnete der SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich die Inhaftierung von mehr als 1000 Wiener Juden an, deren Wurzeln in Polen lagen. Sie wurden gefangen gehalten unter dem Sektor B, wo heute die betuchteren Gäste die Spiele verfolgen dürfen. An 440 Häftlingen wurden von Mitarbeitern des Naturhistorischen Museums so genannte rassische Untersuchungen vorgenommen, unter anderem Schädelmessungen. Ein paar Tage später wurden sie in das KZ Buchenwald deportiert. David Forster sagt, das Stadion lag damals „auf dem Weg in die Hölle“. Kurz darauf schossen Fußballer im Praterstadion wieder Tore

Erst im Jahre 2002 wurden diese Fakten in Österreich widerwillig öffentlich aufgearbeitet und eine kleine unscheinbare Gedenktafel angebracht.

Dass Fussball und Politik nicht so einfach zu trennen sind, wie gerne von den Sportverbänden behauptet, ist hingegen schon länger bekannt. Dass in Chile nach dem Militärputsch 1973 das Fussballstadion der Hauptstadt dazu diente, Oppositionelle zu inhaftieren und zu foltern, ist weithin bekannt, haben diese Szenen sich doch als Symbol der Pinochet-Diktatur eingebrannt. Weniger bekannt ist hingegen, dass nur 14 Tage später die UEFA ohne Bedenken in ebendiesem Stadion ein offizielles WM-Qualifikationsspiel anpfiff, nachdem ihre Funktionäre befunden hatten, dass der Rasen wieder spieltauglich sei. Der Gegner, die UdSSR, weigerte sich damals allerdings, bei diesem Zynismus mitzuwirken. Das Spiel wurde trotzdem angepfiffen – mit nur einer Mannschaft, nicht-öffentlich, mit einigen vom Regime angekarrten Zuschauer – und offiziell als Sieg für Chile gewertet.

1978, als die WM im damals ebenfalls von einer Militärdiktatur regierten Argentinien stattfand, lud der DFB den nach Südamerika geflüchteten hochdekorierten Nazi Hans-Ulrich Rudel zu sich ins Mannschaftsquartier ein (vgl. hier). In Deutschland hat es letzlich über 50 Jahre Jahre gedauert, bis der DFB seine eigene Verstrickung in den Nationalsozialismus zugegeben und kritisch aufgearbeitet hat – was wenig verwundert wenn man sich vergegenwärtigt, dass dort solche Figuren wie Gerhard Mayer-Vorfelder wirkten, dessen Aufstieg wesentlich der Protektion von Altnazi Filbinger zu danken ist, und der bis heute aktive Verbindungen pflegt in die neurechten und nationalkonservativen Kreise rund um das dubiose „Studienzentrum Weikersheim“.

Erst 2005 wurde durch die Studie „Fussball unterm Hakenkreuz“ von Nils Havemann (Kurzfassung hier) die braune Vergangenheit des DFB systematisch aufgearbeitet. Für nur 4 Euro kann man das Buch bei der Bundeszentrale für politische Bildung bestellen.


Fussballdeutsche …

Bei der WM vor zwei Jahren, als man in Deutschland den Akt, sich von einer Eifeler Brauerei gesponserte Wimpel ans Auto zu stecken, erstmals zur nationalen Wiedergeburt verdichtete, befand der Bundesinnenminister, die „Deutschen hätten gelernt, dass sie eigentlich gar nicht so sind, wie sie selbst immer geglaubt haben“. Das ist zwar sinnfrei, klingt aber schön.

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