Trier braucht Schokoladen!

Schon am 22. März fand in Trier eine Solidaritätsaktion mit dem Berliner Kulturprojekt Schokoladen statt. Im folgenden dokumentieren wir die Solidaritätserklärung:

Das Kulturprojekt „Schokoladen“ in Berlin soll geräumt werden – was hat das mit Trier zu tun? Die Eigentümerin, Familie Friedrich, stammt aus Trier, und möchte den Schokoladen räumen lassen, um ihre florierenden Geschäfte weiter auszubauen. Dem Schokoladen, einem der ältesten Kultur-Projekte in Berlin-Mitte droht damit das Aus.

Was ist der „Schokoladen“?

Nach dem Fall der Mauer standen viele Häuser in Ostberlin leer. Viele wurden besetzt, unter ihnen auch das Gebäude einer ehemaligen Schokoladenfabrik, das im Sommer 1990 zu einem Wohn- und Kulturprojekt erklärt wurde. Seit mehr als 22 Jahren bietet der Schokoladen in der Ackerstraße 169/170 in Berlin-Mitte Raum für Kulturveranstaltungen und Soli-Partys und schafft für internationale Künstler*innen, vor allem für kleinere Bands, eine Plattform. Der Laden ist selbstorganisiert und kümmert sich um die Instandsetzung des Hauses und andere Belange selbst. Nach aufwändigen Reparaturen und lnstandsetzungen konnte im Oktober 1990 das Kultur-Café Schoko-Laden eröffnet werden. Seit diesem Tag haben die Betreiber unter der Trägerschaft des „Schoko-Laden e.V.“ die kulturellen Aktivitäten rund um den Club dauernd erweitert. Das erste Konzert im Schokoladen fand am 2. Oktober 1990 statt.

Der Schokoladen e.V. war eines der ersten Kulturprojekte, die nach der Wende zur rasanten Wiederbelebung der Spandauer Vorstadt und des Scheunenviertels beitrugen. Er ist bis heute, neben dem ACUD, prägend für die Gegend rund um die südliche Brunnenstraße.

Auch in Zukunft soll der Schoko-Laden als Wohn- und Kulturprojekt fortbestehen. Da der Schokoladen auch andere Projekte wie der „Club der polnischen Versager“, das TiSCH Theater, ein Tonstudio sowie etliche Atelier- und Proberäume beherbergt, würde die Räumung des Schokoladens nicht nur eine über Jahre gewachsene Alternativ-Kultur dem Erdboden gleich machen, sondern für viele Menschen auch den Verlust persönlicher Bindungen, des zweiten Wohnzimmers und eines wichtigen, unkommerziellen Mikrokosmos bedeuten.

Was ist passiert?

Seit die Familie Friedrich aus Trier 1993 das Haus erworben hat, begann sie die Nutzer*innen des Hauses zu drangsalieren. Von Anfang an stand fest: das Hausprojekt mit all seinem kulturellen Angebot und bezahlbaren Mieten soll verschwinden. Erstmals versuchte der Eigentümer 2005 eine Kündigung zu erwirken – erfolglos. 2008 und 2010 folgten weitere Räumungsverfahren und die Kündigungen der Gewerbemietverträge. Um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen, ließ es sich Eigentümer Markus Friedrich in der Vergangenheit auch nicht nehmen selbst Hand anzulegen. So verschaffte er sich Anfang Juli 2008 zweimal Zutritt zum Schokoladen-Hof und forderte die sofortige Räumung der Ateliers im 2.Stock des Fabrikgebäudes, andernfalls würde er selbst Tatsachen schaffen. Begleitet wurde er dabei von breitschultrigen Schlägern, die die Bewohner*innen bedrohten.

Die bestehen Mietverträge für die Kulturprojekte und 20 Bewohnerinnen und Bewohner, die teilweise schon 30 Jahre dort wohnen, wurden zum 31. Dezember 2011 erneut gekündigt, inklusive Räumungsklage.
Die Nutzer*innen des Projektes wollen aber nicht weichen. Die Mieterinnen und Mieter mit Wohnraum-Mietverträgen haben zwar bereits einen Räumungsstreit vor Gericht gewonnen und können aufgrund alter Mietverträge auch nicht so einfach aus dem Hausgeworfen werden.

Aber auch für sie ist der Ärger noch nicht vorbei: der Eigentümer mahnt nun die Bewohner*innen ständig ab – weil Gegenstände im Treppenhaus stehen oder weil die Namen an den Briefkästen fehlen. Das Team des Schokoladens hatte der Firma Friedrich – dank der Schweizer Stiftung „Edith Maryon“ als möglicher Käuferin, die nach eigenen Angaben Immobilien erwirbt, um sie dann „vorzugsweise soziokulturelle Nutzungen“ zur Verfügung zu stellen – sogar eine Million Euro für das unsanierte Haus geboten, um es weiterhin nutzen zu können. Trotzdem hält der Eigentümer Markus Friedrich an einer juristischen Auseinandersetzung fest, da ein anderer Investor ihm angeblich 1,8 Mio. Euro für das alte Haus geboten hätte. Es gehe ihm nicht um eine einvernehmliche Lösung, glaubt daher der Anwalt des Kulturprojekts, Moritz Heusinger. Ebensowenig nahm er bisher Angebote der Stadt für alternative Standorte an. Der Schokoladen ist akut bedroht! Zwar gibt es Alternativpläne zur Weiterführung des Kultur-Vereins, die seien jedoch sehr kostenintensiv und daher nahezu illusorisch. Offiziell hätte der Schokoladen zum 1. Januar aus den Räumen ausziehen müssen. Die Betreiber überweisen dem Eigentümer seither trotzdem monatlich Miete. Am 17. Januar scheitert der Schokoladen e.V. im Berufungsverfahren gegen die Räumungsklage des Eigentümers. Nachdem der Räumungstermin am 22. Februar 2012 ausgesetzt wurde ist, stehen nun wieder Verhandungen an.

Was steckt hinter dem Eigentümer Familienbetrieb Friedrich?

Eigentümerin des Hauses in Berlin-Mitte ist die Beteiligungsgesellschaft Friedrich Trier GmbH & Co. KG. Sie erwarb die Immobilie 1993, und versuchte seitdem immer wieder die Mieter*innen aus dem Gebäude zu vertreiben. Daneben besitzt die Beteiligungsgesellschaft Friedrich Trier GmbH & Co. KG umfangreichen Immobilienbesitz u.a. die Hotels Altstadthotel und Römischer Kaiser und weitere Grundstücke in Trier sowie Villen und Häuser in Potsdam-Babelsberg und Großbeeren. Die Friedrichs erwarben in Trier Flächen in der Paulinstraße und am am Rindertanzplatz, setzten ihre Bauvorhaben dort aber nicht um, bereicherten sich dafür an den Parkgebühren, und verkauften 12 Jahre später den Rindertanzplatz wieder an die Stadt.

Der aus Trier stammenden Familie Friedrich gehören jedoch noch weitere Firmen, wie das Fliesenzentrum Deutschland GmbH mit Sitz in Großbeeren (Brandenburg) und Standorten in Trier (Im Gewerbegebiet 5, 54344 Kenn – gleiche Anschrift wie die Beteiligungsgesellschaft), Berlin, Erfurt, Hamburg, Leipzig, Magdeburg und München. Geschäftsführer sind hier ebenfalls die Brüder Markus Friedrich und Johannes Friedrich. Die Verwaltung der Firma ist in Wasserbillig, Luxemburg, ansässig. Das Unternehmen macht einen einen jährlichen Umsatz von ca. 85 Millionen Euro. Hauptsächlich als Fliesen-Großhändler. In Kenn aber auch als Einzelhändler im Sanitärbereich. Seit 2009 ist auch die Solarenergie- Firma „Trevisun“ im Besitz der Friedrichs, ebenfalls mit Firmensitz in Kenn. Desweiteren betreibt die Familie Friedrich die Firma „Friedrich Hausverwaltung GmbH“, die ihren Sitz auch in Großbeeren und in Kenn hat und in Trier unter anderem den „Studierturm“ in der Herzogenbuscher Straße verwaltet.

In der Auseinandersetzung mit dem Schokoladen e.V. tritt die Beteiligungsgesellschaft Friedrich Trier auf, die sich von der Cerasoft GmbH (ebenfalls mit Sitz in Großbeeren) vertreten lässt, die wiederum von den beiden Brüdern Johannes und Markus Friedrich vertreten wird. Wie man sieht, leidet die Familie mit ihren vielen Besitzund Reichtümern sicherlich keine Not.

Ganz im Gegenteil. Ihr deutschlandweiter Marktanteil allein im Fliesenhandel liegt nach eigenen Aussagen immerhin bei ca. acht Prozent. Dennoch weigern sich die Gebrüder Friedrich das alte Haus in Berlin-Mitte dem Schokoladen e.V. und weiteren Nutzer*innen selbst für eine Million Euro zu überlassen, da sie doch lieber noch 800.000 Euro oben drauf hätten. Wie sagt man so schön? Bei reichen Leuten lernt man‘s Sparen!

Warum ist unsere Solidarität mit dem „Schokoladen“ notwendig?

Wir sehen es als unsere Pflicht an, uns insbesondere als Triererinnen und Trierer für den Berliner „Schokoladen“ stark zu machen. Der Protest wendet sich in diesem Falle gegen die Firma Friedrich, da sie die Eigentümerin des Berliner Hauses und vieler weiterer Immobilien ist. Jedoch ist diese Firma nur ein Beispiel dafür, wie krude kapitalistische Profitlogik und Sachzwänge sich immer mehr auf unser Leben, unsere Selbstbestimmung und unseren Alltag auswirken. Auch in Trier gibt es kaum noch günstigen und bezahlbaren Wohnraum für alle, da Hauseigentümer mit explodierenden Mieten absahnen wollen. Ärmere Menschen werden immer weiter in Randgebiete oder gar in das Umland von Trier verdrängt, um sich vor Obdachlosigkeit retten zu können. Freie, günstige und alternative Kulturprojekte gibt es in Trier ebenfalls kaum. Ob nun bezahlbare Angebote oder Proberäume, Ateliers und Veranstaltungsräume.

Einer freien und demokratischen Gesellschaft läuft die kapitalistische Marktideologie absolut zuwider. Eine Gesellschaft, in der jede*r nur den Freiraum bekommt, den er oder sie bezahlen kann, in der alle sich an den Meistbietenden verkaufen müssen, um mehr schlecht als recht die Runden zu kommen, in der die Existenz von vielen abhängig ist von wenigen, in der es Besitzende gibt, die die Macht haben und Menschen ohne Besitz, die sich dem Willen jener beugen müssen – eine solche Gesellschaft ist nicht frei.

Wir wollen nicht in einer Welt leben, in der das hemmungslose Ausbeuten anderer Vorteile bringt und zur Pflicht wird, in der Menschen über andere herrschen, in der zwischenmenschliche Beziehungen, Arbeit, Sinnhaftigkeit von Dingen und ganze Planungen von Landstrichen einer kapitalistischen Marktlogik unterworfen werden.

Wir wollen,

– dass jede und jeder unabhängig von seinen ökonomischen Mitteln ein Recht darauf hat, zu leben wo und wie er oder sie will!
– unabhängigen, bezahlbaren und alternativen Kulturraum, bei dem es nicht auf den Geldbeutel ankommt, wer sich einen Theaterbesuch, ein Konzert oder eine Party leisten kann!
– dass Wohn- und Kulturprojekte, wie der Berliner Schokoladen bleiben! Weitere Shopping-Malls und teure Cafés brauchen wir nicht. Kultur und bezahlbarer Wohnraum müssen nicht nur in Berlin und Trier, sondern überall politisch möglich sein!

Schokoladen für alle!… nicht nur für wenige. In Berlin und überall!

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