Antideutsche – Neue Rechte reloaded

Unter dem Titel „Antideutsche – Neue Rechte reloaded“ hatte am 27.11 das Antirassismusreferat des AStA zu einem Vortrag geladen. Referent war Holger Wendt von der DKP Bochum, der jüngst eine Broschüre zum Thema veröffentlichte, die auszugsweise in der UZ nachzulesen ist.

Das ist natürlich alles ganz schön oldschool, wurde zu dem Thema doch eigentlich in den letzten Jahren schon alles gesagt und publiziert, was man sich irgend denken könnte. Ende 2008 dazu eine Vortragsreise mit dem Gestus der Entlarvung und Aufklärung zu machen, ist schon fast wieder liebenswert exzentrisch. Denn was sich spalten konnte, hat sich längst gespalten, und was übrig geblieben, macht halt weiter. Überraschungen oder neue Erkenntnisse waren dagegen eigentlich von vornherein auszuschliessen. Zumindest auf einen handfesten Streit, das letzte Surrogat realer politischer Relevanz, durfte man hoffen. Doch auch diese Erwartung wurde leider enttäuscht.

Der Vortrag hatte sich zum Ziel gesetzt, zu zeigen, dass Antideutsche längst nicht mehr die Linken sind, aus denen sie einst hervorgegangen sind, sondern vielmehr auf linkem Ticket neurechte Ideologieversatzstücke übernommen haben. Zentrale Thesen waren dabei, dass Antideutsche 1) keine Marxisten sind sondern rechten, irrationalistischen Ideen nahestehen und mit rechten Gruppen gegen die Linke kollaborieren, sowie 2) einen kulturalistischen Rassismus vertreten, der „den Islam“ als Bedrohung des Abendlandes bekämpft.

Bemerkenswert war die dünne Materialgrundlage, auf der diese Untersuchung sich bewegte. Der Autor scheint die theoretischeren antideutschen Schriften, die zu lesen ihm nach eigener Aussage „kein Vergnügen“ bereiten, nur oberflächlich zu kennen, oftmals aus zweiter Hand zitiert. Bemerkenswert etwa der Vorwurf, Antideutsche würden eine allzu affirmative Carl-Schmitt Rezeption pflegen, der u.a. an Gerhard Scheit, Manfred Dahlmann und Joachim Bruhn festgemacht wurde. Liest man sich den inkriminierten Artikel zu Schmitt allerdings einmal selber durch, so ist eigentlich gar nicht misszuverstehen, dass alle theoretische Beschäftigung mit Schmitt, die in der „antideutschen“ Sicht durchaus ihren Platz hat, einem ganz konkreten, kritischen Erkenntnisinteresse entspringt: aus der Analyse Schmitts, als genau dem Faschisten und Antisemiten, der er nun eben war, eine Erkenntnis über den verhängnisvollen Zusammenhang von Staat, Gewalt und antisemitischer Ideologie in der Welt, wie sie nicht bleiben soll aber nun einmal ist, zu gewinnen.

Eine höchst belustigende Einlage des Vortrags war dagegen das Abspielen jenes berühmten Radiointerviews, in dem Justus Wertmüller weitschweifig erklärt, die Linke vor allem deswegen zu hassen weil diese aus „verwahrlosten Elendsgestalten“ besteht die „immer noch diese schrecklichen Dreadlocks“ tragen, und daher etwas „Abstossendes“ sei.

Die Ausführungen zum „Rassismus“ der Antideutschen beschränkten sich im wesentlichen auf einige zusammengewürfelte Zitate zum Thema Islam, die jenen in einen Gegensatz zum „Westen“ stellen. Nun kann man von mancher antideutscher Position zum Thema Westen, Aufklärung und Islam halten was man will, aber „der Westen“ ist dabei nie als eine kulturelle Gemeinschaft gedacht worden. So scheibt etwa Gerhard Scheit vielmehr, „daß der Westen nur ein Begriff für den Versuch ist, die Vernunft – innerhalb der Unvernunft des Ganzen – nicht zu verlieren“ (Dialektik der Feindaufklärung). Entsprechend hat nie das alte Europa – und schon gar nicht Deutschland – je als Teil dieses positiven Bezugspunktes Westen gegolten. „Der Westen“ meint hier keineswegs das christliche Abendland, sondern den angelsächsisch geprägten Liberalismus; nicht eine homogene Kultur, sondern ein bestimmtes Verhältnis von Individuum, Gesellschaft und Staat. Man muss diesen Gedanken nicht unbedingt teilen, um ihn zu verstehen; um zu sehen das er zwar nicht besonders „links“, aber auch nicht rassistisch ist.

Die anschliessende Diskussion zum Vortrag war leider schleppend – sie fand praktisch nicht statt. Vielleicht, weil der Referent Reiz-Themen wie Israel, Palästina, Antisemitismus und Terrorismus, mit denen er sicherlich eine Diskussion hätte provozieren können, geschickt weitgehend ausgeklammert hat, und damit letztlich am eigentlichen Gehalt der Sache vorbeigeredet hat. Wahrscheinlich ist diese Veranstaltung aber wirklich auch einfach 5 Jahre zu spät gekommen.

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Ein Kommentar zu “Antideutsche – Neue Rechte reloaded

  1. Pingback: Neue Rechte reloaded - Reloaded ! « Salon Marx

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