Quäl dich du Sau

Eine Verlogene Diskussion

Heutzutage hat man es nicht so einfach als Radsport-Fan, zumindest nicht wenn man auf die Tour-de-France Berichterstattung der deutschen Fernsehsender und Zeitungen angewiesen ist. Nachdem ARD und ZDF letztes Jahr kurzerhand ihre Übertragung einstellten, als Trotzreaktion auf wiederholt aufgeflogenes Doping, wird dieses Jahr wieder berichtet – aber, wohl als eine Art Korrektiv, nur unter der Prämisse eines ständigen unterschwelligen moralinsaueren Dopingskandalismus. In der ARD beklagte der Moderator nach der ersten Etappe 08, die Valverde gewann, dass man nicht ausreichend den „Verdacht“ gegen diesen Fahrer öffentlich thematisiere, „nicht weil es Beweise gibt“, aber der „Verdacht sei da“, und daher muss er wohl breitgetreten werden, denn das beäugen, verdächtigen und denunzieren ist schliesslich des Deutschen liebste Beschäftigung. Zeitungen wie die Sueddeutsche berichten längst fast nur noch über das Doping-Thema und vergessen dabei mitunter, die aktuellen Ergebnisse des Rennens überhaupt abzudrucken. Kein Wunder, dass man im Ausland über die deutsche Öffentlichkeit mittlerweile nur noch befremdet den Kopf schüttelt … und man kann sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass diese Besessenheit auch etwas damit zu tun hat, dass die Deutschen gerade keinen Favoriten dabeihaben, bzw. dass ihre ehemaligen Lieblinge wie Ullrich und Klöden demontiert wurden während andere trotz ähnlicher Verstrickungen noch mitfahren dürfen. Geradezu dämonisch scheint hier Doping, die „Seuche“, das „Gift“, der „Sumpf“, unter allen Oberflächen, aus allen Poren unheimlich hervor zu quellen. Nicht weil es etwa mehr oder schlimmere Fälle gäbe als zuvor; die Doping-Praxis war wohl bereits in den 80ern und 90er unter Insidern und auch vielen Journalisten schon lange kein Geheimnis mehr. Doch jetzt, wo aufgrund verbesserter Kontrolltechniken die Fahrer auf einmal auch erwischt werden, spielen plötzlich alle andern den Saubermann. Politische Parteien wie die ‚Grünen‘ oder die ‚Linke‘, die sich, solange es nur um die Bekämpfung des Terrorismus geht, gerne als Anwalt von Freiheit und Bürgerrechten gerieren, steigern sich nun plötzlich in einen Sicherheitswahn, forderten 2007 gar die Absage aller Radmeisterschaften sowie eine totale, lückenlose Überwachung von Sportlern, und beklagen, das neue deutsche Anti-Doping Gesetz sei zu lasch, weil Doping nicht per Strafgesetzbuch als Straftat festgeschrieben wurde. Und ein ZDF-Moderator forderte gestern, am Tag der Festnahme des serbischen Kriegsverbrechers Karadzic, man möge doch bitte irgendeinen dubiosen spanischen Sportarzt „endlich auch in gleicher Weise dingfest machen“. EPO-Spritzen = Srebrenica ? Und die UCI gleich ohnmächtig wie seinerzeit die UNO? Was folgt als nächstes … humanitäre Intervention der NATO in Frankreich um vermutete Doping-Bunker an der Strecke per Luftschlag auszuschalten?

Die skandalisierende Debatte um das Dopen ist fragwürdig und verlogen. So verständlich es ist, dass von Seiten der Organisation und der Aufsichtsbehörden „Fairness“ erzwungen werden soll – gegen „Fairness“ kann ja niemand was haben -, so sehr ähnelt die Reaktion vor allem so mancher Sportjournalisten oder enttäuschter Interessierter dem wütenden verstockten Kleinbürger, der entdeckt dass die matschigen Burger, die er bei McDonalds zu essen kriegt, nicht so aussehen wie die Versprechungen vollen Geschmacks, die man ihm auf den Werbeplakaten präsentierte, und sich daraufhin nun gettäuscht, von dunklen Mächten in seiner Anständigkeit ausgenutzt sieht. Was er insgeheim schon immer geahnt hat, sich aber nicht eingestehen konnte – dass er nämlich sein Leben lang in einem miesen Job sich relativ sinnlos abrackert ohne einem erfüllten Leben näher zu kommen – externalisiert der wütende Kleinbürger in die Gegenstände, in die Waren, an denen alleine ihm Gesellschaft aufscheint, und klagt um so heftiger das Auseinandertreten von Gebrauchswert und Tauschwert an, wenn er irgendwann erkennt dass er viel Geld für sinnlosen Schrott ausgegeben hat. Dass er das selber hätte wissen können, will er nicht zugeben; lieber wütet er, man habe ihn, den Gutgläubigen, ganz mies abgezockt, um den Lohn ehrlicher Arbeit gebracht.

Ganz ähnlich der Sportjournalist, der sich menschlich enttäuscht gibt, wenn der Athlet, der ihm im Interview versichert hatte, Doping sei so schlimm (was soll der auch sonst sagen?), wenig später nun selber ebendessen überführt wird („Auch du, Zabel!“ heisst es dann etwa bei der BILD-Zeitung).So fällt man von einem Extrem ins Andere. Noch gar nicht so lange her, dass deutsche Journalisten völlig kritiklos die deutschen Fahrer hochjubelten und nur von Höhentraining, deutschen Pferdelungen und natürlichem Talent blubberten, als bei T-Mobile längst systematisch EPO gespritzt wurden.

Wenn ein Rockstar vor dem Auftritt sich betrinkt um besser in Stimmung zu, fördert das eher seine Street-Credibility und niemand käme auf die Idee, seinen Erfolg deswegen als „Betrug“ anzuklagen. Wenn aber ein Radprofi bei einer 3500 Kilometer langen Rundfahrt irgendwas schluckt, damit seine Muskeln sich über Nacht schneller erholen, gilt er als übler Geselle mit bösartigem Charakter, dem man nicht mehr trauen kann. Natürlich hinken solche Vergleiche, da in der Kunst der Erfolg vor allem an einer vermeintlichen Individualität festgemacht wird, im Radsport hingegen knallhart in Sekunden und Punkten quantifiziert wird, und der Wettbewerbsvorteil offensichtlicher ist. Doch ändert das nichts daran, dass die Grenze zwischen einerseits „natürlichen“, fairen, und andererseits „künstlichen“, unfairen Methoden der Leistungssteigerung kaum so streng zu ziehen ist, wie es die Anti-Doping-Richtlinien aufgrund ihrer legislativen Natur notwendig tun müssen. Wie der Sportjournalist Martin Krauß in der Zeitschrift Konkret (7/07) darlegt, ist die Vorstellung des natürlichen Körpers und der natürlichen Leistung selber hochgradig künstlich. Denn sind nicht auch etwa handelsübliche Infrarot-Massage-Lampen eine künstliche Hilfe bei der Muskelregeneration? Und auch Koffein, ohne dessen leistungssteigernde Wirkung wohl auch so mancher Schüler seine Klausur nicht bestanden hätte, stand bis 2005 auf der Liste der verbotenen Substanzen (ab einem gewissen Grenzwert; d.h. ca. eine Dose Red-Bull war erlaubt, zwei waren schon unlauterer Wettbewerb). Man sieht, so einfach ist zwischen natürlicher und künstlicher Leistung erstmal gar nicht zu trennen.

Triumph des Willens

Und doch gilt ein Radprofi der sich nicht „natürlich“ im Schweisse seines Angesichts schmerzverzerrt den Berg hochquält, als Sünder. Das Publikum und die Journaille sind regelrecht begierig auf Sportler, die am Ziel erschöpft zusammenbrechen und sich mit Sprüchen wie „quäl dich du Sau“ (so Udo Bölts zu Jan Ulrich) anpeitschen. Wenn, wie bei einer besonders langen Etappe zu Beginn der Tour 07, die Fahrer mal langsamer rollen, da aufgrund der taktischen Konstellation gerade kein Team sich einen Vorteil davon verspricht, Tempo zu machen, wird sogleich von „Bummeletappe“ geredet, „langweilig“ sei es gewesen, und kein „echtes“ Radrennen. Dabei sind die Fahrer ja, wie Jens Voigt vom Team CSC erwiderte, ja „trotzdem 240 Kilometer Rad gefahren, halt nur nicht die ganze Zeit mit Blutgeschmack im Mund“.

Hinter dem Bild aber, nur ein Fahrer mit Blutgeschmack im Mund hätte sich einen Sieg wirklich verdient, steht eine psychologisch sehr bedenkliche Mischung von Sadismus und Opferkult. Nur wer leidet, geht als authentisch durch. Da lobpreist ein Eurosport-Moderator schon mal die „100-prozentige Opferbereitschaft“, welche die kasachischen Fahrer vom Astana-Team aufgrund ihres östlichen Charakter angeblich besitzen. Nur wer seinem Körper Gewalt antut (rein natürlich, wohlverstanden), ist des Erfolges würdig. Was für den Profisportler eine berufliche Notwendigkeit ist, wird so beim Zuschauer und Berichterstatter zu einer Art voyeuristischer Triebbefriedigung. Das durchschnittliche Individuum, das Kultur und Gesellschaft nur zum Preis von allerlei Neurosen und Mühen halbwegs meistert, erblickt im Sportidol das Wunschbild einer repressiven Reinigung seiner uneingestandenen miserablen Durchschnittlichkeit. Absoluter Erfolg zum Preis absoluten Leidens.

Das ist eine in der Tendenz dem Faschismus verwandte Logik der „Reinigung durch Selbstopfer“, „Triumph des Willens“ über den verwundbaren Leib. Es liegt daher auch gar nicht so fern, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, in der Diskussion um Doping im Radsport einen Zug des antisemitischen Ressentiment zu entdecken, wie dies Thorsten Fuchshuber in einem Artikel in der Zeitschrift Konkret beschreibt. Denn es gehörte seit jeher zu den Kennzeichen des Antisemitismus, Juden als effeminierte Wesen zu halluzinieren, die sich vor „ehrlicher Arbeit“ drücken, weder Selbstdisziplin noch Opferwillen besitzen und durch allerlei „Gifte“ und sonstige Laster die Moral unterhöhlen. Eines der ältesten und hartnäckigsten antisemitischen Märchen in Deutschland war jahrzehntelang jenes von der hohen Zahl an Juden, die sich aus mangelndem Opferwillem im ersten Weltkrieg vor dem Wehrdienst gedrückt hätten. Ihr „Bild, als das des Überwundenen, trägt die Züge … des Glückes ohne Macht, des Lohnes ohne Arbeit, der Heimat ohne Grenzstein, der Religion ohne Mythos. Verpönt sind diese Züge von der Herrschaft, weil die Beherrschten sie insgeheim ersehnen. Nur solange kann jene bestehen, wie die Beherrschten selber das Ersehnte zum Verhaßten machen“ (Horkheimer/Adorno). Von der Struktur des Ressentiment her ganz ähnlich „phantasiert man in der aktuellen Debatte über die betrügerische Vermehrung der Kräfte des Sportlers durch Dopingmittel und die dadurch ausgelösten biochemischen Prozesse … Dass es so oder so der Körper des Sportlers bleibt, der rücksichtslos ausgebeutet wird, ist egal“ (Thorsten Fuchshuber, Konkret 7/07, S. 55).

Der Körper als Produktivkraft
Es bedeutet das oben ausgeführte aber eben auch nicht, dass Doping und seine gängige Praxis nun im Umkehrschluss tatsächlich etwas fortschrittliches, humanes, hätte. Auch das Doping bleibt ein weitgehend nur illusorisches Trugbild vom Glück, de facto aber eine Ausbeutung des Körpers, oftmals verbunden mit hohen Risiken gesundheitlicher Langzeitschäden. Die Sterblichkeitsrate bei (ehemaligen) Radprofis ist fast dreimal höher als der Durchschnitt. Keinem Fahrer „gefällt“ es, sich beutelweise Blut abzuzapfen und in Tiefkühltruhen bis zum Rennen aufzubewahren. Und auch wenn die Presse gerne fehlendes „Unrechtsbewusstsein“ anklagt, so dürften die Fahrer wohl am besten wissen, was sie da machen. Sie tun es eben trotzdem, um die an einen gestellten Anforderungen zu erfüllen, wenn sich nach einem brutalen Training bis zur absoluten Leistungsgrenze zeigt, dass es eben einfach nicht reicht, die entscheidenen Sekunden rauszuholen, die am Ende von 3500 km über Sieg oder Niederlage entscheiden. Die Doping-Praxis wie das Phantasma des sich ehrlich quälenden Sportlers zeugen von einer Einrichung des Sports, in welcher der Körper des Menschen nurmehr ein Mittel zum Zwecke des Erfolges ist. Sicherlich gehört ein gewisses Mass an „sich-quälen“ zu jedem Sport. Dagegen ist nichts einzuwenden. Im Profisport aber gilt nur der quantifizierbare Erfolg als Lohn; mathematisch und medizinisch optimierte Trainingspläne dienen dem einzigen Ziel, systematisch die Leistungsgrenzen nach oben zu verschieben. Obwohl der Körper scheinbar im Mittelpunkt all dieser Unternehmen steht, wird er in Wahrheit ausgeblendet, aufgelöst in organische Einheiten, die es zu perfektionieren gilt; als Medium von Erfahrung und Empfindungsfähigkeit spielt er keine Rolle. Radfahrer reden nicht selten von „den Beinen“, deren Leistung man abwarten müsse, als wären sie Teil der Mechanik, nicht ihres eigenen Körpers.

Es wäre aber zu billig, die Schuld auf die individualistische „Konkurrenz“gesellschaft und den immerbösen Kapitalismus zu schieben; auch wenn es sicher seine Wahrheit hat, dass eine Gesellschaft in der nur Erfolg auf dem Markt zählt, sich nicht wundern braucht wenn die Subjekte irgendwann sich nur noch mit diesem Erfolg identifizieren. Doch darf man nicht vergessen, dass es gerade auch die ehemaligen sozialistischen Staaten wie die DDR waren, die Doping systematisch im Leistungssport einsetzten, von staatlicher Seite aus massiv gefördert. Während in kapitalistischen Gesellschaften die Idee des „freien Marktes“, also des Tausches von Waren äquivalenten Werts, zumindest noch sich in einer analogen oberflächlichen Ideologie des „fairen Wettbewerbs“ niederschlug, hatten die Ostblockstaaten solche bürgerliche Ideen beseitigt und setzten ganz ungeniert systematisch auf Doping, öfter auch mal zwangsweise an Nachwuchssportler verabreicht, um die körperliche Überlegenheit des sozialistischen „neuen Menschen“ gegenüber dem dekadenten Westen zu demonstrieren. Doping nicht im Namen des individuellen Erfolgs, sondern unter dem Banner der Arbeiterklasse und mit dem Segen des geschichtlichen Prozesses. Dazu findet sich etwa in der „Kopenhagener Rede“, die Leo Trotzki 1932 hielt, eine prophetische Vision des Sozialismus: „Ist er einmal mit … der eigenen Gesellschaft fertig geworden, wird der Mensch sich selbst in Arbeit nehmen, in den Mörser, in die Retorte des Chemikers. Die Menschheit wird zum ersten Male sich selbst als Rohmaterial, bestenfalls als physisches und psychisches Halbfabrikat betrachten. Der Sozialismus wird ein Sprung aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit auch in dem Sinne bedeuten, dass der gegenwärtige, widerspruchsvolle und unharmonische Mensch einer neuen und glücklichen Rasse den Weg ebnen wird“.

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