Fussballdeutsche …

Bei der WM vor zwei Jahren, als man in Deutschland den Akt, sich von einer Eifeler Brauerei gesponserte Wimpel ans Auto zu stecken, erstmals zur nationalen Wiedergeburt verdichtete, befand der Bundesinnenminister, die „Deutschen hätten gelernt, dass sie eigentlich gar nicht so sind, wie sie selbst immer geglaubt haben“. Das ist zwar sinnfrei, klingt aber schön.

Gemeinhin gilt seitdem der neue deutsche Fussballpatriotismus, „Stolz ohne Wille zur Macht“, als etwas tolles, das die Deutschen mit ihrer Vergangenheit versöhnt, mit ihren Nachbarn sich verbrüdern lässt und nebenbei noch den Aufschwung schafft. Folgerichtig, dass man bei der gegenwärtigen EM das neue Deutschlandwunder gerne verlängern möchte, wenn auch anfangs noch etwas verkrampft, von BILD mit penetrantem „Schwarz-Rot-Geil-Wir machen weiter“ angepeitscht.

Es bleibt aber weitgehend schleierhaft, worin das Neue, das Kosmpolitische, das angeblich Legere dieses Wahns eigentlich zu sehen sein soll? Vielleicht mag man es in Kreuzberg finden; wer aber dieser Tage durch Trier oder – Gott behüte – Eifel und Hunsrück fährt, kann nichts Lockeres und Vergnügendes finden an der Tatsache, dass die gleichen Prolls, die hier sowieso seit jeher zu viert in tiefergelegten VWs und Opels sinnlos umherfahren und schon aus Prinzip schlechtgelaunt und gewalttätig aussehen, sich nun noch in Deutschlandfahnen hüllen. Nicht, dass gegen Fussball etwas einzuwenden sei, und eine Nationalmannschaft zu bejubeln, ist auch nicht zwingend verkehrt; Schweden oder Schweiz sind grundsympathische friedliche Länder. In Deutschland aber schwingt aus irgendeinem Grund bei jedem Jubel, jeder Mob-Bildung fast automatisch ein unterschwelliges Gewaltversprechen mit, das gegen Spielverderber, zufällige Opfer und jene, die nicht mitmachen, gar sich die Freiheit nehmen die deutsche Mannschaft nicht zu mögen und ein fremdes Trikot zu tragen, schnell bedrohlich wird.

Dass „Public Viewing“, das „gelenkte Gehampel und Zusammenrottungsgewürge in prangend konformer sog. Feierlaune auf den sog. Fanmeilen„, wo betrunkene Horden sich der kollektiven geistigen Regression hingeben, eine fröhliche Angelegenheit sei, kann nur ernsthaft behaupten wer auch das Trierer Altstadtfest und die erzwungene Exzessivität des deutschen Karnevals fälschlich für Lebensfreude hält statt für das nur schlecht sublimierte Versprechen aufs Pogrom, um das es sich dabei nunmal handelt.

Folgerichtig nicht nur, dass auch in Trier die autoritäre Fröhlichkeit abends dann gerne in „Sieg Heil“ Rufe umschlägt, sondern dass das Schweizer Fernsehen bei der Bildschirmtext-Untertitelung der deutschen Nationalhymne die alte, erste („Deutschland über alles“) Strophe einblendete, statt, wie es in der Bundesrepublik korrekt wäre, die 3te („Einigkeit und Recht und Freiheit“). Einige Deutsche haben dies offenkundig zu ernst genommen, und mussten bereits von der österreichischen Lufwaffe vom Himmel geholt werden.

Gut dass es zu diesem Anlass schon seit der WM ein grossartiges Video gibt.

(Für wertvolle Hinweise sei Lizas Welt gedankt!)

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2 Kommentare zu “Fussballdeutsche …

  1. „Nicht, dass gegen Fussball etwas einzuwenden sei, und eine Nationalmannschaft zu bejubeln, ist auch nicht zwingend verkehrt; Schweden oder Schweiz sind grundsympathische friedliche Länder. In Deutschland aber schwingt aus irgendeinem Grund bei jedem Jubel, jeder Mob-Bildung fast automatisch ein unterschwelliges Gewaltversprechen mit, das gegen Spielverderber, zufällige Opfer und jene, die nicht mitmachen, gar sich die Freiheit nehmen die deutsche Mannschaft nicht zu mögen und ein fremdes Trikot zu tragen, schnell bedrohlich wird.“

    Langweilig! – weil reflexartiger (linker) deutscher Selbsthass. Tausendmal gehört, tausendmal gelesen. Sobald jemand das Fähnchen schwingt (oder am Auto spazieren fährt) , ist aus der Sicht der (Spezial-)Linken ein SA-Aufmarsch oder gar Auschwitz nicht weit.

    Ach ja: Für meinen englischen Freund sind wir Deutschen ein grundsympathsiches Volk, welches im Gegensatz zu seinen Landsleuten zivilisiert und voller Spaß seine Fußballmannschaft feiern kann. Seltsam, sollte ich mich schwer geirrt haben und er etwa ein Sympathisant der Rechten sein? Oder wie muß ich das jetzt verstehen?

  2. Oh, meine (nicht nur meine) Wahrnehmung über die merkwürdige Aggressivität der Fussballdeutschen musst du mir schon lassen. Mit Politik hat das wenig zu tun, und von „Linken“ oder „Rechten“ war hier gar nicht die Rede. Nur von ganz normalen Deutschen. Das muss mit Nazis gar nichts zu tun haben um widerlich zu sein.

    Warum du, obwohl davon hier nirgends die Rede ist, sofort von „deutschem Selbsthass“, „Selbstverletzung“ u.ä. sprichst und sogar in einen pathologisierenden Jargon verfällst (gelöscht, da nicht nett), bleibt schleierhaft und wahrscheinlich Projektion der psychischen Spannung, die es dich kostet deine eigene Identität zwanghaft als zwangsfrei darzustellen.

    Im übrigen ist es dieser Tage in der Tat wohl leichter, die deutsche Mannschaft, die ja mitunter sehr ansprechenden Fussball zeigt, zu mögen als die englische, deren Anhänger zu sein – leider leider – in letzter Zeit anders als mit einer gehörigen Portion Frust und Selbstverachtung auch nicht mehr zu ertragen ist … 😦

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